Donnerstag, 7. Dezember 2017

Das Geständnis

Sie hätte mich nicht schockierter ansehen können. Ihre wunderschönen grünen Augen waren weit aufgerissen und ich konnte erkennen, dass ihre Unterlippe bebte. Sie suchte sichtlich nach Worten, Worten, die ausdrücken konnten, was sie gerade empfand, aber dafür gab es wohl einfach keine Worte mehr. Jetzt liefen ihr die ersten Tränen über die Wangen und sich wich ein kleines Stück vor mir zurück. Auch ich machen einen Schritt zurück, um ihr den Platz zu geben, den sie jetzt brauchte.
Ich hatte gewusst, dass es gefährlich war, ihr die Wahrheit zu sagen und ich wusste, dass sie so reagieren würde, aber dennoch musste ich alles auf eine Karte setzen. Für mich würde es keine andere Frau mehr geben, dass wusste ich schon vom ersten Augenblick an, an dem ich sie gesehen hatte. Wieso das so war, wusste ich nicht und es konnte mir auch sonst niemand beantworten.
"Was bist du?", fragte sie kaum hörbar. Was ich allerdings vernahm, war ihre Angst, ihre Angst vor mir. Sie atmete tief durch und bemühte sich wieder etwas zur Ruhe zu kommen. "Was bist du?", wiederholte sie die Frage und klang dabei weniger, wie ein verängstigtes Mädchen, sondern wie eine starke und mutige Frau.
"Das ist nicht so leicht zu erklären", erwiderte ich und als sie gerade zum Protest ansetzen wollte fügte ich hinzu: "Wir nennen uns Arkossir, wir verfügen über gewisse Fähigkeiten, die über die von normalen Menschen hinausgehen. So kann ich mich in alle möglichen Lebewesen verwandeln, wie mein Vater und sein Vater. Meine Mutter hingegen hat eine andere Fähigkeit. Die einzelnen Gaben werden an die Nachkommen weitergegeben. Manchmal kommt es vor, dass sich zwei Fähigkeiten verbinden und daraus eine neue entsteht." Ich hatte es ihr so gut erklärt wie ich konnte ohne wirklich gegen den Kodex zu verstoßen, mal davon abgesehen, dass ich einer "Normalen" unser Geheimnis verraten habe natürlich.
"Und woher soll ich dann wissen, dass du wirklich du bist?", fragte sie misstrauisch. Tja, und da kam die Frage auf die ich ihr keine Antwort geben konnte.
"Das kann ich dir nicht sagen, ich kann dir nur sagen, dass ich es wirklich bin. Entweder kannst du genügend Vertrauen aufbringen oder nicht", sagte ich und spürte innerlich einen Stich. Wenn sie jetzt sagen würde, dass sie mir nicht vertrauen konnte, wusste ich ehrlich nicht, wie ich reagieren würde und was ich danach machen würde. Ich hatte es auf diese eine Karte gesetzt und musste jetzt darauf vertrauen, dass ich sie richtig eingeschätzt hatte.
"Ich weiß einfach nicht... das ist alles so verwirrend... und ich verstehe nicht, wie das überhaupt möglich sein kann", versuchte sie sich zu erklären, aber ich merkte, wie durcheinander sie jetzt war. Für mich geriet die Welt völlig aus dem Gleichgewicht. Ich hatte mich so sehr darauf verlassen, dass sie aufgeschlossen genug war, um damit fertig zu werden und jetzt hatte ich womöglich den größten Fehler gemacht.
"Warum ich?", fragte sie aus dem Nichts. Verwirrt sah ich sie an. Im ersten Moment verstand ich die Frage einfach nicht. "Wieso hast du es ausgerechnet mir anvertraut? Wieso hast du dich überhaupt für mich entschieden? Ich meine von Anfang an hast du nur Interesse an mir gehabt. Du hast alle anderen einfach abblitzen lassen."
"Keine Ahnung", sagte ich ehrlich und zuckte mit den Schultern. "Ich hab dich einfach gesehen und wusste, dass ich dich kennenlernen muss. Wieso das so ist, weiß ich nicht."
Nachdenklich musterte sie mich und schien abzuschätzen in wie weit ich ehrlich zu ihr war. Sie schien sich allmählich etwas zu entspannen und auch der Abstand zwischen uns schien mir nicht mehr unüberwindbar zu sein.
"Hör zu", sagte ich und machte einen Schritt auf sie zu. "Ich weiß weder, wieso ich so bin, wie ich nun mal bin - da fragst du am besten ein paar unserer Wissenschaftler - und genauso wenig weiß ich, wieso du es bist, die mir meinen Verstand raubt. Es ist einfach so."
"Aber...", begann sie und brach ab. "Ich bin doch nichts besonders. Ein einfaches und durchschnittliches Mädchen aus einer Kleinstadt." Ich musste ein breites Grinsen unterdrücken. Sie hatte ja keine Ahnung, was für eine Wirkung sie tatsächlich auf ihre Umwelt hatte. Wie sich alle nach ihr umdrehten, wenn sie durch einen Raum ging. Wie hübsch sie tatsächlich war und das ohne das ganze Zeug, dass viele andere brauchten um schön zu sein. Sie war es einfach.
"Glaub mir, du bist außergewöhnlich und dass kann ich aufrichtig sagen, denn ich habe schon viel Außergewöhnliches gesehen. Du bist einfach nur fantastisch." Es war die Wahrheit, die ihr wohl vorher noch nie jemand gesagt hatte, denn sie bekam knallrote Wangen und sie wich meinem Blick verlegen aus. Wie kann man sich nur so unterschätzen?, ging es mir durch den Kopf. Dann dachte ich an die fiesen Äußerungen ihrer Mutter, dass sie einfach nichts besonderes sei und doch mal mehr aus ihrem Typen machen sollte, dann hätte sie auch reelle Chance bei jemandem wie mir. Aber ich wollte sie so, wie sie war.
Jetzt lag es an ihr sich auch für mich zu entscheiden.

Dienstag, 5. Dezember 2017

der falsche Onkel

Leise, um nicht entdeckt zu werden, lauschte ich an meiner Tür. Gott sei dank unterhielten sich die beiden Männer laut genug, ging es mir durch den Kopf als ich sie reden hörte. Ich wollte endlich antworten haben und da mir niemand hier antworten gab (also keine, die mir wirklich weiterhalfen), musste ich sie mir eben so holen.
"Sie ist ganz bestimmt die richtige", murmelte der eine Mann, den ich heute zum ersten Mal gesehen hatte.
"Ja, hast du ihr mal gesehen?", fragte der andere, der mich seit einigen Jahren, seit meine Eltern tödlich verunglückt sind aufzog. Onkel Gregor. Bis zu jenem Tag hatte ich noch nie etwas von ihm gehört. Als ich ihm das sagte, lachte er und erklärte, dass er sich schon in seiner Jugend mit seinem jüngeren Bruder zerstritten hatte. Zuerst hatte ich ihm nicht glauben wollen, konnte mir nicht vorstellen, dass mein Vater seinen eigenen Bruder verleugnete, aber Gregor zeigte mir Fotos von ihnen, seine Geburtsurkunde und alles was ich damals verlangt hatte, um mir glaubhaft zu beweisen, dass er wirklich mein Onkel war.
"Das kann man ja gar nicht übersehen", wisperte der andere wieder, "es zieht sich ihren ganzen Nacken hinauf!" Unwillkürlich griff ich mir in den Nacken und spürte das Mal unter meiner Haut pulsieren. Niemand konnte mir erklären woher es kam und was es bedeutete. Einige vermuteten, dass man mich als Säugling tätowieren lassen hat, aber ich wusste, dass das totaler Unsinn war. Es veränderte sich. Nicht viel, aber wenn man es, wie ich, jeden Tag beobachtete fiel es schon auf. Die Farben änderten, es kamen neue Ranken hinzu und andere verblassten erst und verschwanden irgendwann komplett. Doch das ist außer meinen Eltern noch niemandem aufgefallen. Kleine Elfe, so haben sie mich wegen des Mals immer genannt.
"Dann sollten wir die Herrin rufen", murmelte mein Onkel. Die Herrin? Wer sollte das denn sein? Mein Onkel war nicht verheiratet.
"Einverstanden", raunte der andere verschwörerisch. Was hatte das denn alles bloß zu bedeuten? "Weißt du, was es bedeutet, wenn sie wirklich die Richtige ist?"
"Natürlich."
"Dann kann unsere Herrin endlich ihre Macht wieder an sich nehmen und endlich die Welt zu unseren Vorstellungen formen." Der andere Mann kam richtig ins schwärmen, was sie alles ändern wollen, sobald ihre komische Herrin nur an der Macht war.
Ohne Vorwarnung ging die Tür auf und knallte mir heftig gegen den Kopf. Erschrocken strauchelte ich einige Schritte zurück und rieb mir den schmerzenden Kopf.
"Was machst du denn hinter der Tür, du meine Güte?", fragte mein Onkel sichtlich nervös.
"Ich... ich wollte doch nur in die Küche und mir etwas zu trinken holen", erwiderte ich schnell. Ich konnte das Zittern in meiner Stimme hören und befürchtete, dass Onkel Gregor mir nicht glauben würde.
"Na, nur zu, Liebes, wir wollen ja nicht, dass du uns hier verdurstest, gell?", sagte er lachend und hielt mir die Tür auf. Nervös lächelte ich und lief - etwas zu schnell - in die Küche und holte ein Glas aus dem Schrank und öffnete den Kühlschrank und tat so, als würde ich überlegen, was ich denn jetzt trinken wollte.
"Sie ist auf dem Weg", sagte mein Onkel feierlich. "Bald wird das ganze Theater endlich vorbei sein."
"Geht es dir nicht Nahe?", fragte der Andere. "Immerhin hast du sie die letzen Jahre auswachsen sehen. Also ich könnte das sicherlich nicht!"
"Wenn mein Bruder, der dreckige Versager, damals nicht einfach untergetaucht wäre und sie unserem Zirkel weggenommen hätte wäre das alles nicht nötig gewesen und er und Ewa würden noch am Leben sein!" Es dauerte einen ewig langen Moment, bis ich begriff, was er da gerade angedeutet hatte. Mein Vater ist mit meiner Mutter und mir geflohen und sie mussten wohl deswegen sterben. "Ich war mir damals schon sicher, dass sie es ist. Ich meine, mal ehrlich, diesen Unfall hätte sie unmöglich überleben können! Selbst als Ewas Tochter wäre sie nicht mächtig genug gewesen! Aber die Herrin wollte abwarten, sichergehen und kein Risiko eingehen."
"Sie kann das Ritual auch nur einmal durchführen", murmelte der andere und klang nachdenklich.
"Aber ich hätte dieses Balg nicht all die Jahre durchfüttern müssen!", keifte Onkel Gregor. Mir blieb vor Schreck der Atem weg. Ich konnte nicht glauben, was er da sagte und das mit einer solchen Heftigkeit, die ich bei ihm noch nie erlebt hatte. In meinem Kopf drehte sich alles. Ich begriff nicht, was das alles zu bedeuten hatte. Wo war ich hier nur reingerutscht? Und viel wichtiger, wie komme ich hier wieder raus? Heiße Tränen liefen mir übers Gesicht und ich versuchte die aufsteigende Panik zu unterdrücken. Jetzt in Panik zu geraten, wäre wohl mein sicherer Tod. Zumindest wenn ich das alles hier wirklich richtig verstanden hatte.
Das Klingeln der Haustür riss mich jäh aus meinen Gedanken raus.
"Liebes, geh und öffne doch bitte die Tür und schicke den Gast in mein Arbeitszimmer!", rief Onkel Gregor laut. Ihm schien nicht bewusst zu sein, dass ich auch ohne lautes Rufen alles verstehen konnte, was mein Glück war.
"Natürlich", rief ich zurück und bemühte mich so normal, wie nur irgend möglich anzuhören. Also schloss ich den Kühlschrank und ging zu Haustür. Vor der Tür atmete ich noch einmal tief durch, wischte mir mit den Händen über das Gesicht und öffnete dann die Tür.
Vor mir stand eine Frau in einem schwarzen Kostüm, dass ihr hervorragend passte und noch besser stand. Ihre blonden Haare hatte sie zu einer eleganten Hochsteckfrisur zusammengesteckt. Sie strahlte mich begeisternd an: "Guten Tag, du musst Alyssa sein. Es freut mich außerordentlich dich endlich kennenzulernen, meine Liebe." Sie reichte mir die Hand und sah mich erwartungsvoll an. Ruhig bleiben, dachte ich und atmete tief ein und strahlte sie dann ebenfalls an: "Guten Tag, ja genau, die bin ich. Mein Onkel Gregor", dieser miese Lügner, "erwartet Ihre Ankunft in seinem Arbeitszimmer."
"Ach, wie reizend von ihm, danke. Ich finde allein dorthin", sagte sie und war auch schon an mir vorbei gegangen, in die Richtung des Arbeitszimmers. Langsam schloss ich die Tür, doch nicht ohne mich nach jemandem umzusehen, der mir helfen konnte. Es war niemand zu sehen.  Jack!, dachte ich hoffnungsvoll, ich musste Jack erreichen.
So schnell ich konnte, ohne dass es merkwürdig war ging ich zurück in mein Zimmer und suchte mein blödes Handy, aber der kleine Apparat war verschwunden. Das nächste Telefon war unten vor dem Arbeitszimmer gewesen und da würde Onkel Gregor mich erwischen. Wo war bloß mein Handy? Ich hätte schwören können, dass ich es auf meinem Schreibtisch liegen gelassen hatte, aber es war einfach nicht da.
"Alyssa!", rief die Stimme meines Onkels. "Liebes, kannst du bitte mal zu uns kommen?" An seiner Stimme klang nichts bedrohlich oder irgendwie verräterisch, doch mit einem Mal beschleunigte sich mein Herzschlag unerträglich schnell. Ich suchte nach irgendetwas, dass ich als Waffe benutzen konnte und fand nur meine Nagelfeile. Typisch, sowas kann nur mir passieren! Wieso war ich auch nicht zurück in die Küche gelaufen? Da gab es Messer und Scheren! Oder ich hätte über die Terrasse weglaufen können. Dort wäre ich irgendwann an den Übungsplätzen vorbei gekommen und hätte dort Jack antreffen können, der hätte mir sicher helfen können.
"Alyssa!", rief er jetzt ungeduldig. "Was dauert denn so lange?"
"Einen Moment!", rief ich zurück und überlegte fieberhaft, was jetzt nur tun sollte. Ich musste hier raus! So schnell wie möglich. Also schlich ich zu meiner Zimmertür und legte ein Ohr daran, um zu lauschen, ob an der anderen Seite etwas zu hören war. Stille, deswegen öffnete ich die Tür und spähte durch einen schmalen Schlitz. Niemand war zu sehen. Vorsichtig, um keine unnötigen Geräusche zu produzieren, schob ich mich auf den Gang und schloss die Tür sachte hinter mir. Dann schlich ich über den Flur und hörte von unten meinen Onkel sagen, dass er nachsehe wo ich blieb. Panik trieb mich schneller voran und ich versteckte mich hinter einer großen Statur nahe der Treppe. Kaum war ich in dem Schatten verschwunden, kam mein Onkel die Treppe hinauf und hämmerte gegen meine Zimmertür.
"Alyssa! Du kommst sofort mit mir runter!", brüllte er jetzt total wütend und donnerte noch einmal gegen meine Tür. Es tat sich (selbstverständlich) nichts, denn ich war nicht mehr in dem Raum. Er riss die Tür auf, so das ich angst hatte, er würde sie aus den Angeln reißen und schrie: "Sie ist weg!"
"Sucht sie!", zischte die Frau. "Ich brauche sie!"
"Ruft die Jungen, sie können helfen!", brüllte mein Onkel den anderem Mann an.
"Die Jungen?", fragte dieser etwas dümmlich. "Sie meinen die Anwärter, oder?"
"Natürlich meine ich die ANWÄRTER du Idiot!", keifte mein Onkel. Er rauschte jetzt wütend an mir vorbei und für einen Bruchteil der Sekunde dachte ich, dass jetzt alles vorbei wäre. Doch als ich begriff, dass er mich gar nicht bemerkt hatte, ergriff ich meine Chance und rannte die Treppe und hatte die Haustür gerade aufgemacht als mich jemand packte und heftig zurück riss. Im selben Augenblick trat jemand die Tür auf und ich erkannte Jack. Tränen der Erleichterung liefen mir die Wangen runter.
"Was zum Teufel ist hier los?", fragte er verwirrt und sah sich fragend um.
"Jack?", fragte die Frau, die mich im Nacken festhielt, wie mir jetzt auffiel. Entsetzt begriff ich, dass die beiden sich kannten. Nein, nein, nein, nein, nein! Wieso ist mir das nicht gleich aufgefallen! Ich hatte Jack nicht informiert über die merkwürdigen Dinge, die ich belauscht hatte. Er ist nicht hier, um mir zu helfen.
"Mutter?", fragte er ungläubig und es schien so etwas wie Erkenntnis in ihm aufzukommen. "Alyssa?"
"Was tust du hier?", zischte seine Mutter und klang dabei mehr wie eine Schlange. Sie bohrte ihre langen, manikürten Fingernägel in meinen Hals, sodass ich laut aufstöhnte.
"Lass sie sofort los!", sagte Jack entschieden und sein ganzer Körper spannte sich an. "Du bist auch in dieser irren Sekte?" Fassungslosigkeit und Enttäuschung schwangen in seiner Stimme mit.
"Ich bin nicht "in" der Sekte ich bin "die" Sekte!", kreischte sie.
"Lassen Sie mich los", wimmerte ich und begann endlich mich zu wehren. Ich trat nach ihr und schlug wild um mich und als ich schon dachte, sie hätte mir eher den Kopf abgerissen als loszulassen, schaffte ich es irgendwie mich loszureißen und stolperte von ihr weg. Durch die plötzliche Freiheit geriet ich ins Straucheln und drohte das Gleichgewicht zu verlieren, schaffte es aber mich an etwas festzuhalten.
"Ich hab dich", sagte Jack mit sanfter Stimme und nahm mich schützend in seine Arme. Jetzt tauchte mein Onkel auf dem obersten Treppenabsatz auf und hielt einen Revolver auf uns gerichtet. Langsam kann er die Treppe runter und zielte genau auf Jacks Gesicht.
"Du wirst meine Nichte jetzt sofort loslassen", sagte Onkel Gregor in einer merkwürdig ruhigen Stimme. Er machte mir fürchterliche Angst und noch größere hatte ich fast, dass Jack tun könnte was ihm befohlen wurde. Aber dieser dachte gar nicht daran und schob mich hinter sich. Weg von der Gefahr, ging es mir durch den Kopf.
"Jack!", zischte seine Mutter sichtlich nervös. Anscheinend war sie bereit ihn töten zu lassen, um an mich heranzukommen. Das war doch wahnsinnig! Reiner Irrsinn!
"Jack", hauchte ich und versuchte mich vor ihn zu schieben, doch Jack ließ mir keine Chance.
"Auf keinen Fall!" Jack stand vor mir wie ein Fels.
"Junge, ich sagte es nicht noch einmal", donnerte Onkel Gregor.
"Ich werde es auch nur einmal sagen", sagte eine weitere vertraute Stimme hinter mir. Matt, Jacks bester Freund, und richtete eine Waffe auf den Kopf meines Onkels. Das waren mir eindeutig zu viele Waffen. Ich nutze die Ablenkung, stürzte mich an Jack vorbei auf den Revolver meines Onkel und wollte ihn ihm abnehmen. (Was ich mir dabei gedacht hatte, wusste ich ehrlich gesagt zu diesem Zeitpunkt auch nicht!) Mein Onkel bemerkte in letzter Sekunde was ich vor hatte und so begann ein Gerangel um die Waffe.
Aufgeregte Stimmen riefen sowohl meinen Namen als auch den meines Onkels, doch das zählte für keinen von uns. Mein Überleben hing von diesem Ding ab und ich konnte ihn nicht gewinnen lassen. Er hatte meine Eltern umgebracht, zumindest war es maßgeblich daran beteiligt.
Ein ohrenbetäubender Knall hallte durch die Halle und erschrocken hielten wir beide inne. Jeder starrte den anderen erwartungsvoll an. Dann wurde mich mit einem Mal eiskalt und alles drehte sich.
Auf der Brust meines Onkel bildete sich ein roter Fleck, der schnell, sehr schnell immer größer wurde. Erschrocken wich ich ein paar Schritte zurück und starrte ihn weiter an. Jemand nahm mir die Waffe aus der Hand und drückte mich eng an sich.

Später erklärte man mir alles. Mein Onkel und Jacks Mutter gehörten einer Sekte an, die der Meinung waren, dass ich ein Kind sei, dass wie meine Mutter wohl auch schon vor mir, von Engeln abstammten und wenn man jemanden wie mich bei Neumond opferte und dann das Blut trank unsterblich werden würde.
Die Polizei, explizit Matt, der als verdeckter Ermittler an dem Fall dran war, hatte Jack mit in die Sache eingebunden, weil er seinen Freund nicht belügen wollte und es auch einfach nicht konnte. Jack hatte wohl sofort bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Jack wollte mich nicht verunsichern und mir nicht unnötig Angst machen. Sie waren beide ans Anwärter bei der Sekte gewesen und sobald sie begriffen hatten, was da wirklich abging hatte Matt Verstärkung gerufen und Jack wollte mich nur noch daraus holen. Er hatte allerdings die ganze Zeit nicht wahrhaben wollen, dass seine Mutter (und auch sein Vater) teil der Sekte waren.
Ich konnte das alles einfach nicht verstehen. Sie hatten meine Eltern und wer weiß wen noch alles getötet um unsterblich zu werden. Das war einfach Wahnsinn gewesen und ich? Ich hatte jetzt keine Familie mehr. Matt hatte mir erklären müssen, dass mein Onkel seinen Verletzungen unterlegen ist, ich allerdings nicht mit weiteren Folgen rechnen brauchte, da es ganz klar ein Versehen war. Immerhin wollte ich nur mein eigenes Leben (und das von Jack) retten.
Jack war die ganze Zeit nicht von meiner Seite gewichen. Er hatte sich schlichtweg geweigert zu gehen.

Samstag, 25. November 2017

Wahrheiten

Es gibt Wahrheiten, die wir nicht aussprechen dürfen. Diese Wahrheiten sind wahr und ehrlich, dennoch sind sie nicht für jeden bestimmt. Vielleicht für niemanden? Wir reden und sagen jeden Tag so viel. Nichtigkeiten, die es sich nicht lohnt zu erzählen. Wir lügen, damit sich andere nicht verletzt werden. Wir erzählen lügen, weil sie leichter zu ertragen sind.

Aber wäre es nicht leichter die Wahrheiten zu ertragen, denn diese sind doch ehrlich und wahr, und nicht die Lügen, die wir erzählen, weil es einfacher ist? In welcher Welt würdest du gerne leben?
In der Wahren oder in einer Erlogenen?
Gibt es eine Antwort, die für jeden die Richtige ist? Kannst du die Frage beantworten?

Du möchtest also lieber ich einer wahren Welt leben, in der dir nur mit Ehrlichkeit begegnet wird? Das kann ich verstehen. Du möchtest in einer Welt leben, in der deine Meinung etwas zählt, in der du sie ehrlich äußern darfst und dir auch das Unangenehme nachgesehen wird, weil es ja die Wahrheit ist. Die ist es immer die Wahrheit zu erfahren und möchtest auch immer die Wahrheit gesagt bekommen. Und wenn du anfängst alles zu glauben, was man dir so zuträgt, wäre es dann nicht wieder ein leichtes in einer Welt aus Lügen zu leben? Denn für dich ist es eine Wahre und Ehrliche Welt.

Vielleicht sollten wir aufhören uns eine andere Welt zu wünschen und anzufangen unsere Welt in eine bessere Welt zu wandeln, um uns solche Gedanken nicht mehr machen zu brauchen.

Montag, 7. August 2017

Rettung

Dieses Gefühl hatte ich nur an einem speziellen Ort gehabt und es war alles andere als gut, dass ich es jetzt gerade wieder fühlte. Für diesen Ort hatte ich nie etwas übrig gehabt. Er bedeutete mir, dass ich zurück war.
Zurück, an einem Ort an dem ich nichts war, ein dreckiges und unbedeutendes Nichts, und wieder hier zu sein brachte mich innerlich völlig aus der Fassung. Aber ich hatte hier eine Aufgabe zu erledigen und solange "der Herr" mir nicht über den Weg laufen würde, würde mich niemand aufhalten können.
Leise schlich ich mich durch die dunklen Dienstbotengänge, die mir leider immer noch viel zu vertraut waren, auf der Suche nach meiner Verbündeten. Ich hatte nur diese eine Gelegenheit ihn hier rauszuholen und dafür brauchte ich die Hilfe von Aya, meiner Verbündeten. Es gab auch nur einige wenige Hindernisse, die ich bis jetzt nicht zu überwinden wusste. Da würde ich dann später improvisieren müssen.
Das Wichtigste war es jetzt Aya zu finden, dann würden wir uns in der Kerker schleichen und ihn retten. Ich konnte es eigentlich immer noch nicht fassen, dass ich meinen Retter jetzt retten musste. Er war einer seiner besten Männer gewesen oder besser er ist es noch. Aber "der Herr" akzeptiert keine Verbindungen seiner Männer mit seinem Eigentum. Denn das war ich für ihn gewesen. Und "der Herr" konnte es nicht ertragen, dass er mich nicht haben konnte. Zumindest nicht so, wie er es gewollt hätte und bei meiner Flucht hatte ich dafür gesorgt, dass er nie wieder jemanden haben kann, ganz gleich, wie sehr es wollte!
Endlich kam ich bei dem Treffpunkt an und war unendlich erleichtert als ich Aya dort stehen sah. Gott sei dank!, schickte ich ein stummes Gebet in den Himmel. Wir umarmten uns kurz und als sie unter meiner Berührung zusammenzuckte, wusste ich genau wieso. Sie hatte Prügel einstecken müssen.
"Komm", sagte sie und zog mich sofort mit sich. "Wir haben nicht viel Zeit! Er soll hingerichtet werden, heute Nacht!"
"Was?", fragte ich erschrocken. Ich spürte Tränen in meinen Augen brennen, aber ich unterdrückte sie. Dafür hatte ich jetzt keine Zeit. Ich musste ihn retten und Aya auch. Denn "der Herr" wird wissen, dass ich ihn befreit habe und das Aya mir geholfen hat. Ich rannte noch schnell. Plötzlich hatte ich das Gefühl keine Zeit mehr zu haben, obwohl wir bis jetzt sehr gut in der Zeit lagen.

Zu meinem Glück zogen sich die Dienstbotengänge durch das gesamte Anwesen, sodass wir sogar unbemerkt in den Kerker kamen ohne diese Gänge verlassen zu müssen, was hieß, dass wir unentdeckt blieben.
"Hast du herausbekommen in welcher Zelle er ist?", fragte ich und wusste nicht ob ich die Antwort wirklich hören wollte. Denn das war eine Hürde, die ich von außen hatte nicht bewältigen können. Ich war von Aussagen abhängig, die eventuell falsch sein könnten, wenn es überhaupt eine Antwort gab.
"Ja, er ist in der Drei. Kezzer musste ein paar Mal zu ihm. Maliah, sie haben ihn gefoltert, und so wie Ketzer es beschrieben hat, ziemlich schlimm." Aya sah mich mitfühlend an.
"Ich hole ihn hier raus, Aya", sagte ich mit fester Stimme. Und wenn ich ihn eigenhändig hier raus tragen müsste, dachte ich.
"Ok, weißt du noch welche Tür es war?", fragte sie und ich wusste, dass sie mich unterstützen würden.
Kurz sah ich mich um und musste mich erinnern, welche dieser versteckten Türen in die Drei führte. Als ich sie gefunden hatte legte ich meine Hand auf den Griff, atmete tief durch und lauschte an der Tür. Ich konnte nichts von der anderen Seite der Tür wahrnehmen. Also atmete ich noch einmal tief durch und öffnete dann die Tür...

Montag, 24. Juli 2017

Zwischen den Kriegen

Es war einer dieser Momente die für immer wehrte, aber nur einen kurzen Moment dauert. Einer dieser Momente die nur mir gehörten. Momente wie diese wurden nie oft mit vielen geteilt. Nur mit einigen wenigen Menschen.
Es war einer dieser Momente die ich nur mit ihm teilte. Und nur er wusste davon. Dieser Moment zwischen den Kriegen. In der die Zeit still stand und wir eng umschlungen zu einem Lied tanzten, dass so traurig war, wie dieser Moment zwischen den Kriegen.
Es war einer dieser Momente zwischen den Kriegen.

Wir standen nahe bei einander und hatten angst, dass es nur ein Traum war. Wir wollten nicht geweckt werden. Wir wollten träumen, dass dieser Moment ewig werte. Es sollte länger dauern als ein Moment zwischen den Kriegen. Mehr Zeit wollten wir. Mehr Zeit um uns noch ein wenig länger nahe sein zu können.
Es war einer dieser Momente zwischen den Kriegen.

Irgendwann würden wir erwachen und dann wären wir allein. Allein in einem Moment, den wir beide nie erleben wollten. Wir würden allein in einem dieser Momente zwischen den Kriegen sein. In einem Moment aus dem es kein entkommen mehr geben kann. Jetzt und hier war es das letzte Mal, dass wir zwischen den Kriegen tanzen konnten. Dann blieb uns nicht einmal mehr der Traum von einem dieser Momente zwischen den Kriegen.
Es war einer dieser Momente zwischen den Kriegen.

Wenn der Traum geträumt wurde, wird er nicht mehr zu träumen sein. Dann würden wir allein in einem Moment inmitten eines Krieges stehen. Jeder für sich und keiner füreinander. Dann gab es keinen dieser Momente zwischen den Kriegen mehr. Aber würde ich dann noch träumen können? Könnte ich je wieder zurück zu einem dieser Momente zwischen den Kriegen? In einem Moment in dem ich mit ihm tanzte, zu einem Lied, dass so traurig war, wie dieser Moment zwischen den Kriegen? Würde es ein "uns" geben, wenn der Krieg beginnt?
Es war einer dieser Momente zwischen den Kriegen.

Sonntag, 18. Juni 2017

Unwissend

Es war das erste Mal gewesen, dass ich meinem Bruder nicht dankbar dafür war, dass er mir das Lesen und Schreiben beigebracht hatte. Ich wünschte mir sehnsüchtig, dass ich kein einzelnes Wort von all dem lesen konnte.

Aber ich konnte es lesen, weil er es mir beigebracht hatte. Und jetzt starrte ich erschüttert diese Meldung an, die heute morgen eine der Wachen des Hohepriesters, unserem Herrscher, an die Tafel gehängt hatte. Hier hingen eigentlich immer nur schlechte Nachrichten, manchmal einfach nur tragisch schlechte Nachrichten und manchmal einfach nur abgrundtief schlechte Nachrichten.

Diese Nachricht jedoch war anders. Anders für mich. Sie erklärte mich quasi vogelfrei.
Langsam lies ich meinen Blick streifen. Hatte hier jemand schon diese Nachricht gelesen? Wenn ja, dann hatte ich kaum noch Zeit für die Flucht. Sie würden über mich herfallen und mir wer-weiß-was antun, nur um mich dann der Wache auszuliefern. Diese würden mich foltern und quälen um herauszufinden wo mein Bruder sich versteckte. Dennoch würden all ihre Versuche an Informationen zu kommen scheitern. Nicht weil ich glaubte, ihre Folter ertragen zu können. Oh nein! Ich konnte ihnen nichts sagen, denn ich wusste nichts. Das hatte er unserem Vater schwören müssen. Er durfte mir nichts sagen, dass mich in den Ärger mit reinziehen konnte.

Mein Bruder hatte sich strikt an seinen Schwur gehalten. Nichts hatte er mir erzählt! Nicht einmal, dass er sich dem Widerstand angeschlossen hatte. Ich hatte es ganz zufällig mitangehört, weil ich nachts aufgewacht war, wieder einer dieser schrecklichen Albträume, die mich quälten, seit ich ein kleines Mädchen war. Da war ich aufgestanden und wollte zu meinem Bruder ins Bett, wie ich es immer tat, aber sein Bett war leer und ich hörte ein leises Flüstern aus dem Zimmer nebenan. Leise schlich ich an die Tür und öffnete sie einen Spalt, um die Personen zu belauschen. Da hatte ich dann gehört, wie mein Bruder von meiner Großmutter zusammen gefaltet wurde, weil ihr es absolut nicht gefiel, dass sich mein Bruder dem Widerstand angeschlossen hatte.
Jetzt stand ich hier vor der Tafel und starrte auf das Plakat mit meinem Gesicht darauf. Ich zog mir schnell meine Kapuze noch tiefer ins Gesicht und rannte davon. Rannte und rannte so schnell ich nur konnte und so weit mich meine Füße trugen.

Im Wald stolperte ich, stürzte so hart mit dem Kopf auf eine Baumwurzel, dass ich das Bewusstsein verlor. Doch ehe ich in die Dunkelheit gesogen wurde, sah ich die Silhouette eines Mannes, die mich behutsam hochhob. Dann war alles weg...

Montag, 17. April 2017

Zwei Seelen

Ewige Kälte. Ewige Einsamkeit. Das war es, was sie mir angetan hatten, nach allem, was ich für sie getan hatte!
Eingesperrt! In einem Gefängnis, dass nie für mich bestimmt war. Sondern für Anastasia, eine Magierin, die Schreckliches getan hatte, bevor es mir gelungen war sie in mir einzusperren. Ein Fehler. Denn jetzt hatten sie mich verurteilt und weggesperrt. Für jedes Verbrechen, dass Anastasia je begangen hatte!
Mir war klar, dass der Hass, den ich seit jenem Tag in mir trug, von Anastasia kam und sie schürte ihn. Sie tat alles um mich dazu zu drängen einen Ausweg zu suchen, aber ich würde dieser Verrückten nicht geben, was sie wollte, egal, wie lange ich hier noch bleiben würde!
"Irgendwann wird einer von uns hier ausbrechen", säuselte Anastasia in meinem Kopf.
"Wir bleiben hier, wo du hingehörst! Dich kann man einfach nicht auf die Menschheit loslassen! Du bist gemeingefährlich", schnauzte ich sie grimmig an.
"Die Leiher schon wieder", sie seufzte, "es macht einfach kein Spaß mehr mit dir hier, also würde ich vorschlagen, wir gehen einfach und suchen uns neue Spielgefährten."
Sie bemühte sich meinen Körper zu übernehmen aber noch war ich stark genug sie daran zu hindern. Und die Kälte, die unsere Strafe war, tat ihr übriges. Sie war lähmend und allgegenwärtig. So sehr Anastasia in meinem inneren wütete und tobte, die Kälte hatte meinen Körper unter Kontrolle. Nicht einmal ich war stark genug ihn zu bewegen. Wahrscheinlich waren wir zusammen stark genug gegen die Kälte gewesen, aber das würde nie eine Option für mich.
"Du wirst ihn nie wiedersehen", sagte sie höhnisch. Natürlich kannte sie nach all der Zeit meinen wunden Punkt. Sie kannte den einzigen Grund, weshalb ich es nicht ertragen konnte im ewigen Eis eingeschlossen zu sein.
Seit ich hier war, ist er nicht einmal gekommen um mich zu sehen. Auch wenn tief in meinem Inneren immer darauf wartete, wusste ich, dass er nicht kommen würde. Bevor ich Anastasias Seele in mir aufgenommen hatte, hatte er mir gesagt, dass er mich danach nicht mehr sehen konnte. Ich hatte es damals nicht verstanden, ich hatte es schließlich für ihn getan. Seiner Schwester wegen. Anastasia hatte sie brutal ermordet und das nur weil es ihr Spaß gemacht hatte. Wir hatten geschworen sie zu rächen und als ich endlich eine Möglichkeit fand, hatte er mich verlassen. Selbstmord hatte er das genannt. Damals hatte ich es nicht verstanden, jetzt allerdings tat ich es.
Irgendwann würde Anastasia meine Seele völlig zerstört haben und von  mir würde nur noch meine körperliche Hülle zurückbleiben. Und wenn es so weit war, dann würde Anastasia in meinem Körper leben und wer weiß was anrichten.
Mir blieb nur übrig so lange wie möglich gegen sie anzukämpfen.