Montag, 7. August 2017

Rettung

Dieses Gefühl hatte ich nur an einem speziellen Ort gehabt und es war alles andere als gut, dass ich es jetzt gerade wieder fühlte. Für diesen Ort hatte ich nie etwas übrig gehabt. Er bedeutete mir, dass ich zurück war.
Zurück, an einem Ort an dem ich nichts war, ein dreckiges und unbedeutendes Nichts, und wieder hier zu sein brachte mich innerlich völlig aus der Fassung. Aber ich hatte hier eine Aufgabe zu erledigen und solange "der Herr" mir nicht über den Weg laufen würde, würde mich niemand aufhalten können.
Leise schlich ich mich durch die dunklen Dienstbotengänge, die mir leider immer noch viel zu vertraut waren, auf der Suche nach meiner Verbündeten. Ich hatte nur diese eine Gelegenheit ihn hier rauszuholen und dafür brauchte ich die Hilfe von Aya, meiner Verbündeten. Es gab auch nur einige wenige Hindernisse, die ich bis jetzt nicht zu überwinden wusste. Da würde ich dann später improvisieren müssen.
Das Wichtigste war es jetzt Aya zu finden, dann würden wir uns in der Kerker schleichen und ihn retten. Ich konnte es eigentlich immer noch nicht fassen, dass ich meinen Retter jetzt retten musste. Er war einer seiner besten Männer gewesen oder besser er ist es noch. Aber "der Herr" akzeptiert keine Verbindungen seiner Männer mit seinem Eigentum. Denn das war ich für ihn gewesen. Und "der Herr" konnte es nicht ertragen, dass er mich nicht haben konnte. Zumindest nicht so, wie er es gewollt hätte und bei meiner Flucht hatte ich dafür gesorgt, dass er nie wieder jemanden haben kann, ganz gleich, wie sehr es wollte!
Endlich kam ich bei dem Treffpunkt an und war unendlich erleichtert als ich Aya dort stehen sah. Gott sei dank!, schickte ich ein stummes Gebet in den Himmel. Wir umarmten uns kurz und als sie unter meiner Berührung zusammenzuckte, wusste ich genau wieso. Sie hatte Prügel einstecken müssen.
"Komm", sagte sie und zog mich sofort mit sich. "Wir haben nicht viel Zeit! Er soll hingerichtet werden, heute Nacht!"
"Was?", fragte ich erschrocken. Ich spürte Tränen in meinen Augen brennen, aber ich unterdrückte sie. Dafür hatte ich jetzt keine Zeit. Ich musste ihn retten und Aya auch. Denn "der Herr" wird wissen, dass ich ihn befreit habe und das Aya mir geholfen hat. Ich rannte noch schnell. Plötzlich hatte ich das Gefühl keine Zeit mehr zu haben, obwohl wir bis jetzt sehr gut in der Zeit lagen.

Zu meinem Glück zogen sich die Dienstbotengänge durch das gesamte Anwesen, sodass wir sogar unbemerkt in den Kerker kamen ohne diese Gänge verlassen zu müssen, was hieß, dass wir unentdeckt blieben.
"Hast du herausbekommen in welcher Zelle er ist?", fragte ich und wusste nicht ob ich die Antwort wirklich hören wollte. Denn das war eine Hürde, die ich von außen hatte nicht bewältigen können. Ich war von Aussagen abhängig, die eventuell falsch sein könnten, wenn es überhaupt eine Antwort gab.
"Ja, er ist in der Drei. Kezzer musste ein paar Mal zu ihm. Maliah, sie haben ihn gefoltert, und so wie Ketzer es beschrieben hat, ziemlich schlimm." Aya sah mich mitfühlend an.
"Ich hole ihn hier raus, Aya", sagte ich mit fester Stimme. Und wenn ich ihn eigenhändig hier raus tragen müsste, dachte ich.
"Ok, weißt du noch welche Tür es war?", fragte sie und ich wusste, dass sie mich unterstützen würden.
Kurz sah ich mich um und musste mich erinnern, welche dieser versteckten Türen in die Drei führte. Als ich sie gefunden hatte legte ich meine Hand auf den Griff, atmete tief durch und lauschte an der Tür. Ich konnte nichts von der anderen Seite der Tür wahrnehmen. Also atmete ich noch einmal tief durch und öffnete dann die Tür...

Montag, 24. Juli 2017

Zwischen den Kriegen

Es war einer dieser Momente die für immer wehrte, aber nur einen kurzen Moment dauert. Einer dieser Momente die nur mir gehörten. Momente wie diese wurden nie oft mit vielen geteilt. Nur mit einigen wenigen Menschen.
Es war einer dieser Momente die ich nur mit ihm teilte. Und nur er wusste davon. Dieser Moment zwischen den Kriegen. In der die Zeit still stand und wir eng umschlungen zu einem Lied tanzten, dass so traurig war, wie dieser Moment zwischen den Kriegen.
Es war einer dieser Momente zwischen den Kriegen.

Wir standen nahe bei einander und hatten angst, dass es nur ein Traum war. Wir wollten nicht geweckt werden. Wir wollten träumen, dass dieser Moment ewig werte. Es sollte länger dauern als ein Moment zwischen den Kriegen. Mehr Zeit wollten wir. Mehr Zeit um uns noch ein wenig länger nahe sein zu können.
Es war einer dieser Momente zwischen den Kriegen.

Irgendwann würden wir erwachen und dann wären wir allein. Allein in einem Moment, den wir beide nie erleben wollten. Wir würden allein in einem dieser Momente zwischen den Kriegen sein. In einem Moment aus dem es kein entkommen mehr geben kann. Jetzt und hier war es das letzte Mal, dass wir zwischen den Kriegen tanzen konnten. Dann blieb uns nicht einmal mehr der Traum von einem dieser Momente zwischen den Kriegen.
Es war einer dieser Momente zwischen den Kriegen.

Wenn der Traum geträumt wurde, wird er nicht mehr zu träumen sein. Dann würden wir allein in einem Moment inmitten eines Krieges stehen. Jeder für sich und keiner füreinander. Dann gab es keinen dieser Momente zwischen den Kriegen mehr. Aber würde ich dann noch träumen können? Könnte ich je wieder zurück zu einem dieser Momente zwischen den Kriegen? In einem Moment in dem ich mit ihm tanzte, zu einem Lied, dass so traurig war, wie dieser Moment zwischen den Kriegen? Würde es ein "uns" geben, wenn der Krieg beginnt?
Es war einer dieser Momente zwischen den Kriegen.

Sonntag, 18. Juni 2017

Unwissend

Es war das erste Mal gewesen, dass ich meinem Bruder nicht dankbar dafür war, dass er mir das Lesen und Schreiben beigebracht hatte. Ich wünschte mir sehnsüchtig, dass ich kein einzelnes Wort von all dem lesen konnte.

Aber ich konnte es lesen, weil er es mir beigebracht hatte. Und jetzt starrte ich erschüttert diese Meldung an, die heute morgen eine der Wachen des Hohepriesters, unserem Herrscher, an die Tafel gehängt hatte. Hier hingen eigentlich immer nur schlechte Nachrichten, manchmal einfach nur tragisch schlechte Nachrichten und manchmal einfach nur abgrundtief schlechte Nachrichten.

Diese Nachricht jedoch war anders. Anders für mich. Sie erklärte mich quasi vogelfrei.
Langsam lies ich meinen Blick streifen. Hatte hier jemand schon diese Nachricht gelesen? Wenn ja, dann hatte ich kaum noch Zeit für die Flucht. Sie würden über mich herfallen und mir wer-weiß-was antun, nur um mich dann der Wache auszuliefern. Diese würden mich foltern und quälen um herauszufinden wo mein Bruder sich versteckte. Dennoch würden all ihre Versuche an Informationen zu kommen scheitern. Nicht weil ich glaubte, ihre Folter ertragen zu können. Oh nein! Ich konnte ihnen nichts sagen, denn ich wusste nichts. Das hatte er unserem Vater schwören müssen. Er durfte mir nichts sagen, dass mich in den Ärger mit reinziehen konnte.

Mein Bruder hatte sich strikt an seinen Schwur gehalten. Nichts hatte er mir erzählt! Nicht einmal, dass er sich dem Widerstand angeschlossen hatte. Ich hatte es ganz zufällig mitangehört, weil ich nachts aufgewacht war, wieder einer dieser schrecklichen Albträume, die mich quälten, seit ich ein kleines Mädchen war. Da war ich aufgestanden und wollte zu meinem Bruder ins Bett, wie ich es immer tat, aber sein Bett war leer und ich hörte ein leises Flüstern aus dem Zimmer nebenan. Leise schlich ich an die Tür und öffnete sie einen Spalt, um die Personen zu belauschen. Da hatte ich dann gehört, wie mein Bruder von meiner Großmutter zusammen gefaltet wurde, weil ihr es absolut nicht gefiel, dass sich mein Bruder dem Widerstand angeschlossen hatte.
Jetzt stand ich hier vor der Tafel und starrte auf das Plakat mit meinem Gesicht darauf. Ich zog mir schnell meine Kapuze noch tiefer ins Gesicht und rannte davon. Rannte und rannte so schnell ich nur konnte und so weit mich meine Füße trugen.

Im Wald stolperte ich, stürzte so hart mit dem Kopf auf eine Baumwurzel, dass ich das Bewusstsein verlor. Doch ehe ich in die Dunkelheit gesogen wurde, sah ich die Silhouette eines Mannes, die mich behutsam hochhob. Dann war alles weg...

Montag, 17. April 2017

Zwei Seelen

Ewige Kälte. Ewige Einsamkeit. Das war es, was sie mir angetan hatten, nach allem, was ich für sie getan hatte!
Eingesperrt! In einem Gefängnis, dass nie für mich bestimmt war. Sondern für Anastasia, eine Magierin, die Schreckliches getan hatte, bevor es mir gelungen war sie in mir einzusperren. Ein Fehler. Denn jetzt hatten sie mich verurteilt und weggesperrt. Für jedes Verbrechen, dass Anastasia je begangen hatte!
Mir war klar, dass der Hass, den ich seit jenem Tag in mir trug, von Anastasia kam und sie schürte ihn. Sie tat alles um mich dazu zu drängen einen Ausweg zu suchen, aber ich würde dieser Verrückten nicht geben, was sie wollte, egal, wie lange ich hier noch bleiben würde!
"Irgendwann wird einer von uns hier ausbrechen", säuselte Anastasia in meinem Kopf.
"Wir bleiben hier, wo du hingehörst! Dich kann man einfach nicht auf die Menschheit loslassen! Du bist gemeingefährlich", schnauzte ich sie grimmig an.
"Die Leiher schon wieder", sie seufzte, "es macht einfach kein Spaß mehr mit dir hier, also würde ich vorschlagen, wir gehen einfach und suchen uns neue Spielgefährten."
Sie bemühte sich meinen Körper zu übernehmen aber noch war ich stark genug sie daran zu hindern. Und die Kälte, die unsere Strafe war, tat ihr übriges. Sie war lähmend und allgegenwärtig. So sehr Anastasia in meinem inneren wütete und tobte, die Kälte hatte meinen Körper unter Kontrolle. Nicht einmal ich war stark genug ihn zu bewegen. Wahrscheinlich waren wir zusammen stark genug gegen die Kälte gewesen, aber das würde nie eine Option für mich.
"Du wirst ihn nie wiedersehen", sagte sie höhnisch. Natürlich kannte sie nach all der Zeit meinen wunden Punkt. Sie kannte den einzigen Grund, weshalb ich es nicht ertragen konnte im ewigen Eis eingeschlossen zu sein.
Seit ich hier war, ist er nicht einmal gekommen um mich zu sehen. Auch wenn tief in meinem Inneren immer darauf wartete, wusste ich, dass er nicht kommen würde. Bevor ich Anastasias Seele in mir aufgenommen hatte, hatte er mir gesagt, dass er mich danach nicht mehr sehen konnte. Ich hatte es damals nicht verstanden, ich hatte es schließlich für ihn getan. Seiner Schwester wegen. Anastasia hatte sie brutal ermordet und das nur weil es ihr Spaß gemacht hatte. Wir hatten geschworen sie zu rächen und als ich endlich eine Möglichkeit fand, hatte er mich verlassen. Selbstmord hatte er das genannt. Damals hatte ich es nicht verstanden, jetzt allerdings tat ich es.
Irgendwann würde Anastasia meine Seele völlig zerstört haben und von  mir würde nur noch meine körperliche Hülle zurückbleiben. Und wenn es so weit war, dann würde Anastasia in meinem Körper leben und wer weiß was anrichten.
Mir blieb nur übrig so lange wie möglich gegen sie anzukämpfen.

Meine Apokalypse

Als der Erdboden sich vor mir auftat und ich taumelte einige Schritte zurück trat, konnte ich nicht anders als an die blöde Apokalypse denken. Das war doch auch einfach zu albern gewesen. Eben noch lief ich den Weg entlag auf der Suche nach der blöden Hütte, in der ich mich mit den Anderen treffen wollte und da fing es plötzlich einfach so an.
Erst war es nur der Regen gewesen, der mir kalt ins Gesicht peitschte und es mir fast unmöglich machte meine eigene Hand vor Augen zu erkennen. Dann wurde es zusätzlich noch stockfinster - als ob das nötig gewesen wäre, ich hatte mich auch so schon fürchterlich verlaufen und wusste nicht mehr, wie ich jemals diese Hütte hatte finden sollen. Irgendwann begann leicht die Erde zu beben, sodass ich strauchelte und hingefallen war- mehrfach!
Jetzt war es also stockdunkel gewesen, es goss, wie aus Eimern und das Beben hatte dazu geführt, dass sich die Erde auftat und ich lief, mehr oder weniger, blind durch die Gegend, keine Ahnung wo ich war und wohin ich lief.
Aber dass hatte ich davon gehabt mich mit einem Gott anzulegen. Was, verdammt noch mal, hatte ich mir dabei gedacht einen Gott zu beleidigen? Aufgeblasener Nichtskönner hatte ich ihn genannt! Und ich hatte noch einiges mehr rausgehauen, was ich zwar nicht wirklich zurücknehmen würde, aber ich hätte es zumindest nicht sagen sollen. Aber ich hatte leider dieses Problem gehabt. Egal wie sehr ich mich bemühte, ich redete erst und dachte dann über Gesagtes nach. Definitiv eine dumme Angewohnheit!
Jetzt waren die einzigen, die mir aus dieser Lage helfen konnten in einer kleinen Hütte und warteten wahrscheinlich schon ungeduldig auf mich. Ich konnte Niams Stimme hören, wie er sich über mich aufregte, weil ich es nie schaffte pünktlich zu sein. Aber dieses Mal konnte ich auch wirklich nichts dafür! Es war ja immerhin nicht meine Schuld, dass der blöde Gott nicht mit Kritik umgehen konnte. Nagut mit Beleidigungen. Aber er hatte angefangen und hatte sich unmöglich benommen. Ich meine, er hatte beschlossen, dass ich das perfekte "Weib" für ihn wäre...
Also selbst, wenn wir noch immer im Mittelalter leben würden, hätte ich mir so eine dreiste und widerwertige Anmache nicht bieten lassen.
Für mich würde es dann jetzt wohl ersteinmal bedeuten vor einem Gott und meiner ganz persönlichen Apokalypse davonzulaufen.

Sonntag, 26. März 2017

Wege zu Mir

Es ist nicht immer leicht. Viele versuchen einen vom Weg abzubringen oder einen zu verändern. Und es ist auch in Ordnung sich zu verlaufen. Einen Weg einzuschlagen, nur um dann festzustellen, dass das nicht der richtige Weg für einen Selbst ist.

Wie oft ich mich verirrt habe weiß ich nicht. Wahrscheinlich sogar öfter als mir bewusst ist und jede Entscheidung, die ich treffen musste, jede Entscheidung ob gut oder nicht, haben mich ein Stück eines Weges vorangebracht. Eines Weges von dem ich hoffe, er ist der Richtige. Ein Weg der mich mehr zu mir selbst führt.
Aber wer bin ich eigentlich?
Ich habe viele Gesichter. Ich bin für jeden etwas anderes und niemals gleich. Was ich bin hängt immer davon ab, wer mich betrachtet. Bin ich Freundin, Liebste, Tochter, Enklin, Feindin, Zicke? Ich bin alles davon und ich bin nichts davon. Was ich bin liegt nicht an dir, sondern daran ob ich daran glaube. Glaube ich deiner Wahrnehmung? Bin ich unabhängig? Kann ich ohne dich existieren oder bin ich von dir abhängig? Bin ich beides?
Vielleicht bin ich Ich, weil ich bin wie ihr mich seht, ohne mir davon den Weg bestimmen zu lassen.
Meinen Weg bestimme ich selbst. Begleiten von euch.

Wer bist du?

Sonntag, 19. März 2017

Es ist Ok!

Es ist ok.
Ein Satz. Eine Lüge. Ein Desaster.
Und wahrscheinlich die Lüge, die jeder von uns so oft sagt, dass wir sie mittlerweile selbst schon glauben. Auch ich sage mir andauernd, dass es ok ist. Aber das ist es nicht. Es wird es auch nicht mehr werden. Du hast einen Teil von mir verstört. Vernichtet und ermordet! Damit muss ich jetzt leben.
Es ist ok.
Aber ich werde es nicht mehr dulden, dass du mir weiterhin das Leben ruinierst. Du hattest die Wahl und du hast dich entschieden, so wie ich mich entschieden habe. Eine Entscheidung die mich dazu bringt dich zu hassen. Mich zu hassen. Jener Teil der mir fehlte wurde ersetzt. Ersetzt durch Hass den ich nicht fühlen kann. Ich hasse, weil ich nicht hassen kann. Mich nicht. Dich nicht. Aber es gibt kein Zurück. Nicht für mich. Nicht für dich.
Es ist ok.
Wir standen einst an einer Kreuzung und jeder ging seinen Weg, vergaß dabei, dass die Wege uns trennen würden. Ein Weg ohne zurück. Jetzt stehe ich alleine da und versuche zu verstehen. Ich versuche zu verstehen, was nicht verstanden werden will. Kein Vorwärts. Kein Rückwärts. Keinen Stillstand. Nur der freie Fall. Ich weiß nicht wo ich landen werde, aber ich weiß, dass mich der Fall nicht zu dir bringt. Alle Wege führen nach Rom, aber keiner führt zu dir.
Es ist ok.
Endlich habe ich verstanden. Ich habe verstanden, dass ich dich nicht hassen kann. Ich habe verstanden, dass ich dich lieben muss. Ich habe verstanden, dass der Hass bleiben wird, wie die Liebe bleibt. Licht und Dunkel. Tag und Nacht. Liebe und Hass.
Es ist nicht ok.

Freitag, 24. Februar 2017

Fluchtweg

Keine Ahnung wie lange ich hier saß und dieses verdammte Ding anstarrte. Es machte mich fertig! Ich wusste, wenn es las und ich aufflog würde ich nicht nur Ärger bekommen, sondern würde wohl um mein Leben betteln müssen. Aber wenn ich es nicht las würden sehr viele gute Menschen - unschuldige Menschen sterben.
"Hast du herausgefunden wo er es versteckt?", fragte er nervös und strich sich mit der Hand durch das Haar. Ich konnte beinahe seine Angst riechen.
"Sccht!", machte ich und funkelte ihn wütend an. Wusste er eigentlich, was er hier von mir verlangte?
Es ging um geheime Infos über das Vorhaben meines Stiefvaters, die das ganze System unserer Stadt verändern konnten, wenn wir sie in die Finger bekommen würden. Zumindest betrifft es am Anfang unsere Stadt, dann wird es wahrscheinlich ziemlich große Wellen schlagen und wird dann das Land und dann die Welt verändern. So war es auf jeden Fall geplant. Wenn ich jetzt nicht endlich die Informationen beschaffte, die man von mir erwartete, würde man mich öffentlich hinrichten und an mir ein Exempel statuieren. Meiner Mutter würde es das Herz brechen, aber sie würde nicht den Mut aufbringen sich gegen meinen Stiefvater aufzulehnen.
"Beeil dich mal! Ich hab keine Lust morgen die Hauptattraktion zu sein", murrte er. Wieder strich er sich durchs Haar.
"Jaja", erwiderte ich leise und schlug endlich den Hefter auf. Auf den ersten Seiten stand nichts wichtiges. Irgendwelche Verträge und Rechnungen, die nichts mit meinem Vorhaben zu tun hat. Doch dann fand ich endlich die Notiz nach der ich suchen sollte. Hektisch riss ich sie aus dem Hefter, schlug diesen zu, stellte ihn zurück und stopfte den Zettel in meine Hosentasche.
"Komm!", sagte ich, griff nach seiner Hand und wollte gerade die Tür öffnen als ich von der anderen Seite Schritte und Stimmen hörte.
SCHEIßE!, dachte ich panisch und sah mich nach einem alternativen Ausweg um. Aber es gab keinen, dass wusste ich schon vorher. Es gab nur diesen einen Weg. Mein Stiefvater hatte aus seinem Arbeitszimmer eine Art Festung erstellen lassen, allerdings nur wenn man die richtigen Codes kannte. Und die kannte ich nicht. Wahrscheinlich kannte niemand die Codes außer ihm natürlich. Ich wirbelte ein paar Mal im Kreis und wusste, dass wir in der Falle saßen, auch wenn ich es mir nicht eingestehen wollte.
"Was jetzt?", fragte er verzweifelt. Keine Ahnung, dachte ich und wusste, dass das unser Todesurteil sein würde. Wir würden hier nicht ungesehen herauskommen und dass würde bedeuten, dass mein Stiefvater erfährt, dass ich in seinem Büro war und dann würde er eins und eins zusammenzählen und...
Die Klinke der Tür wurde quälend langsam heruntergedrückt. Mit geschlossenen Augen stellte ich mich meinem unweigerlichem Schicksal. Doch dann wurde ich gegen die Tür gedrückt und Lippen berührten sanft meine Lippen. Was passierte hier denn gerade? Ich öffnete die Augen wieder, weil ich sehen wollte. Ich wollte begreifen was hier los ist und als ich ihn erblickte, so Nahe, stockte mir der Atem. Aber ich atmete schon nicht mehr. Als seine Finger jetzt von meinem Nacken mein Schlüsselbein entlang fuhren, vergaß ich alles. Meine Finger vergruben sich in seinem Haar und ich presste meinen Körper gegen seinen. Auch der Kuss veränderte sich schlagartig. Aus den vorsichtigen Berührung wurde pures Verlangen. Sehnsüchtiges Verlangen! Er fühlte sich so heiß an und vertraut, gleichzeitig aber auch aufregend neu.
"Was ist denn... ?", fragte eine männliche Stimme von der anderen Seite der Tür und drückte mehrfach kräftig gegen diese um sie zu öffnen. Keuchend lösten wir uns voneinander und ich musste mich zusammenreißen, dass ich ihn nicht sofort wieder küsste. Wir traten von der Tür und dabei fiel mir auf, dass er mich immer noch fest an sich drückte.
Die beiden Männer die jetzt ins Büro traten sahen uns erst überrascht und dann etwas peinlich berührt an. Ich kannte keinen der Beiden gut, aber ich wusste, dass die Geschäfte mit meinem Stiefvater machten.
"Was machen Sie denn hier?", fragte der Dicke mich.
"Ich... also ich mache...", stotterte ich und sah ihn hilfesuchend an.
"Das ist meine Schuld", sagte er und sah besonders schuldbewusst drein. Er hatte einfach so ein Gesicht dem man vertrauen musste. So hatte er es auch damals geschafft, dass ich mich ihm und den Rebellen angeschlossen hatte. "Wir wollten... ich hab sie so lange nicht gesehen..."
"Wir sollten jetzt gehen", erwiderte ich und zog ihn aus dem Büro. Kaum hatten wir es verlassen zog ich ihn noch mal zu mir und küsste ihn abermals. Ich hörte einen der Beiden noch etwas über die Jugend von heute und wenig anstand sagen, dann ging die Tür zu und irgendwie hatte er es geschafft uns unser Leben zu retten.

Donnerstag, 19. Januar 2017

Zukunftsblick

Eigentlich war es einer dieser Tage, an die man sich später nicht mehr erinnern würde. Wahrscheinlich würde ich ihn auch irgendwann vergessen, immerhin war nichts besonderes passiert. Dennoch konnte ich die Magie des Tages deutlich spüren. Sie wischte alle Schleier weg und zeigte mir, was ich schon längst wusste, noch deutlicher.
Die wunderbarste Frau der Welt - meine Frau! - stand mit den Füßen bis zu den Knöcheln im Wasser und sah der Sonne beim Untergehen zu. Diese tolle Frau, die so viel für das bisschen Frieden hatte opfern müssen, stand reglos da und genoss die letzten Sonnenstrahlen. Das lange Kleid, dass sie trug war unter schon fast bis zu den Knien nass, doch das schien sie überhaupt nicht zu stören.
Kurz hatte ich überlegt zu ihr zu gehen, sie einfach fest in die Arme zu schließen und sie nicht mehr los zu lassen. Dann hatte ich aber bemerkt, dass sie sich mit jemandem unterhielt. Da ich niemanden sehen konnte wusste ich genau mit wem sie sprach. Mit ihrem engsten Vertrauten, dem Mann, dem ich es zu verdanken habe, dass sie heute noch hier bei mir ist. Damals habe ich angefangen an Wunder zu glauben. Ich habe es einfach nicht fassen können, dass sie wieder bei mir war - nach all der Zeit, nach all den Jahren.
Und jetzt stand uns das nächste Wunder bevor. Es war so unglaublich und ich konnte es einfach nicht fassen, geschweige denn in Worte fassen. Außerdem hatte ich Angst, wenn ich es Laut ausspreche, dass es dann nicht war wird. Dieses Geschenk war mir einfach viel zu kostbar um es verlieren zu können.
"Hey, du Träumer!", sagte sie, stieß mich an und lächelte mich an. "Worüber denkst du nach?"
"Wie froh ich bin, dass ich dich hab!"
"Uns hast! Du meinst doch wohl, wie froh du bist, dass du uns hast!" Als sie "uns" legt sie meine Hand auf ihren, mittlerweile ziemlich dicken Bauch.
"Ich bin unendlich froh euch zu haben und ich liebe euch." Ich ging in die Hocke, legte auch noch meine zweite Hand auf ihren Bauch und flüsterte: "Aber dich liebe ich noch mehr als die Mama."